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Artifizielle Störung

Eine artifizielle Störung ist schwer zu erkennen und zu behandeln. Sie basiert auf der Vortäuschung von körperlichen und psychischen Symptomen. Das Verhalten der Betroffenen ist selbst- und fremdverletzend, oft durch eine psychische Erkrankung oder Störung der Persönlichkeit verursacht. Wahrscheinlich basieren die heimlichen Verletzungen der Patienten auf einem dissoziativen Zustand, in dem Bewusstsein, Wahrnehmung, Gedächtnis, Motorik und Identität auseinander fallen. Zur Gruppe der artifiziellen Störungen gehören das Münchhausen-Syndrom und das Münchhausen-by-proxy-Syndrom.

Wenn Symptome absichtlich erfunden werden

Von artifiziellen Störungen sind vor allem weibliche Patienten betroffen. Sie sind durchschnittlich  artikel syndrome ärzteblatt deutsches munchausen literatur ärzte regel gebildet und häufig in medizinischen Berufen tätig. Die betroffenen Frauen leben allein oder getrennt. Zu den absichtlich herbeigeführten Symptomen und Erkrankungen fordern sie meist vehement ein ärztliches Eingreifen.

Aus dem rätselhaften Verhalten lässt sich für Außenstehende kein Vorteil oder Nutzen erkennen. Deshalb sind nur Vermutungen möglich, welche Ursachen der artifiziellen Störungen zugrunde liegen. Ein Grund können zurückliegende traumatische Ereignisse sein, die immer wieder neu inszeniert werden. Diese Erfahrungen geben den Patienten ein Gefühl der Einzigartigkeit. Dadurch erhalten sie Aufmerksamkeit und Fürsorge. Müttern dient das „kranke“ Kind häufig zur Stabilisierung einer konfliktreichen und schwierigen Partnerschaft. Für Betroffene sind artifizielle Störungen eine Möglichkeit, Spannungen abzubauen und zu regulieren.

Unter dem Münchhausen-Syndrom leiden überwiegend männliche Patienten, die sozial nicht ausreichend integriert sind. Sie ziehen von einem Mediziner zum nächsten. Dabei fallen sie durch fantasievolle oder dramatische Krankheitsgeschichten auf. Oder sie manipulieren das diagnostische oder therapeutische Vorgehen. Dieses Verhalten kann das ethische Handeln des Arztes in einen Konflikt stürzen.

Beim Münchhausen-by-proxy-Syndrom wird häufig Säuglingen oder Kleinkindern durch ihre Mütter oder Großmütter, weiblichen Babysitter oder Aupairs Schaden zugefügt. Dabei können die Frauen nur eine distanzierte Beziehung eingehen, die sie dominieren wollen.

Ursache in unerfreulicher Kindheit

Oft fühlen sich Betroffene mit artifiziellen Störungen einsam, isoliert oder minderwertig. In ihrer Kindheit haben sie Ereignisse wie Gewalt, Missbrauch, Unzuverlässigkeit und Vernachlässigung erfahren. Meist sind sie in einer feindseligen und lieblosen Atmosphäre aufgewachsen. Daher kennen diese Patienten oft nur Täuschung, Verrat und Misstrauen. Oder sie erlebten, wie das Familienleben jahrelang von der Krankheit eines Angehörigen bestimmt war.

Viele Patienten mit artifizieller Störung mussten selbst zahlreiche medizinische Behandlungen über sich ergehen lassen und reichlich Schmerzen ertragen. Dadurch ist das Verhältnis zum eigenen Körper gestört und sie empfinden ihn nur als Mittel, um die persönlichen Wünsche zu erreichen. Auffällig ist, dass sie gegenüber den Schmerzen anderer Menschen kein Mitgefühl zeigen, was darauf zurückzuführen ist, dass die eigene Mutter den Missbrauch ihres Kindes geduldet hat.

Verhalten des Patienten darf nicht enttarnt werden

Bestätigt sich der Verdacht auf eine artifizielle Störung, löst die Diagnose viel Verärgerung beim Arzt aus. Außerdem sind dem Gesundheitssystem hohe Kosten entstanden. Trotz dieser Erfahrungen – die Patienten sind krank! Um sie zu einer Psychotherapie zu bewegen, ist ein direkter Hinweis auf eine artifizielle Störung unbedingt zu vermeiden, denn es bleibt die Gefahr der Selbsttötung oder Verletzung anderer. Betroffene mit diesem Leiden sollten sich einer Intervalltherapie mit stationären Aufenthalten und ambulanter Psychotherapie unterziehen. Wird die Behandlung durch den Patienten abgebrochen, wiederholt sich das Muster bei einem anderen Arzt oder in der nächsten Klinik.

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